An einer Fassade im Oberland soll ich einen Balkon planen. Die Verschalung ist schwarz gestrichen und an den Wetterseiten durch. Bevor ich etwas vorschlage, teste ich ein Verfahren, das ohne Anstrich auskommt.

Die Fassade ist etwa zwanzig Jahre alt. Nach Süden und Westen ist die Schalung stellenweise weich, an den Stößen steht Wasser. Nach Norden sieht sie aus wie neu. Das ist kein Zufall und auch kein Materialfehler — es ist der normale Lauf der Dinge, wenn man Holz mit Farbe schützt statt mit seiner eigenen Beschaffenheit.
Ein Anstrich ist eine Schicht. Schichten halten eine Weile und versagen dann an genau den Stellen, an denen sie am meisten leisten müssen.
Was Yakisugi macht
In Japan gibt es dafür ein Verfahren, das älter ist als jede Farbe: Die Oberfläche wird kontrolliert verbrannt. Was dabei entsteht, ist eine Kohleschicht von wenigen Millimetern. Sie nimmt kaum Wasser auf, Insekten gehen nicht hinein, und sie bietet einem Pilz nichts mehr, womit er etwas anfangen kann.
Das Holz schützt sich also mit einem Teil von sich selbst statt mit etwas, das man daraufstreicht.
Der Unterschied ist nicht die Haltbarkeit allein. Es ist, was passiert, wenn es doch kaputtgeht.
Eine Kohleschicht verwittert gleichmäßig. Sie wird heller, wäscht sich ab, irgendwann sieht man das Holz darunter. Ein Anstrich platzt, reißt und zieht Wasser unter sich. Das eine altert, das andere versagt.
Was ich getestet habe
Drei Bretter Lärche, drei Bretter Fichte, jeweils unterschiedlich lange gebrannt:
- kurz — die Oberfläche ist angekohlt, die Maserung noch deutlich zu sehen
- mittel — geschlossene Kohleschicht, matt
- lang — stark aufgerissen, die typische Krokodilhaut

Danach abgebürstet, zwei Varianten geölt, eine roh gelassen. Die Proben hängen jetzt an der Westseite und bleiben dort bis zum Frühjahr.
Was offen ist
Ehrlicherweise: einiges. Das Verfahren kommt aus einem anderen Klima, und was in Japan an einer Scheune funktioniert, muss im Oberland nicht dasselbe tun. Zwei Fragen interessieren mich besonders:
Wie verhält sich die Schicht nach einem Winter mit Frost und Tauwetter im Wechsel? Und färbt sie ab, wenn jemand sich anlehnt — bei einem Balkon keine theoretische Frage.
Wenn die Proben im Frühjahr aussehen wie jetzt, schlage ich das Verfahren vor. Wenn nicht, war es ein Nachmittag mit dem Brenner und ich weiß mehr als vorher.
Mehr dazu: Wie ich grundsätzlich an den Bestand herangehe, steht unter → Ansatz
📬 Ab und zu ein Projekt
Wenn ein Umbau fertig ist, schreibe ich auf, was daraus geworden ist und warum wir uns so entschieden haben. Ein paar Mal im Jahr, nicht öfter.
